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Expertenwissen

Eine Vogelbeobachtung in Chicago führte zu einem neuen Vorschlag für die Klassifizierung der europäischen Brandseeschwalbe (Thalasseus sandvicensis) und der nordamerikanischen Brandseeschwalbe (Thalasseus acuflavidus), auch Cabot-Seeschwalbe genannt. Beide unterscheiden sich unter anderem in ihrem Brutverhalten und im Federkleid der Jungtiere.

WENN KLEINSTE DETAILS DIE SICHTWEISE VERÄNDERN

WENN KLEINSTE DETAILS DIE SICHTWEISE VERÄNDERN

Am 15. September 2010 beobachtete US-Birder Greg Neise eine Brandseeschwalbe in Chicago, Illinois – einen in dieser Gegend seltenen Vogel: „Am interessantesten bei der Erforschung und Erfassung dieses Vogels waren seine Handschwingen. Als ich den Vogel am 15. September sah, teilte ich diese Beobachtung mit etwa einem Dutzend Anwesender. Ich machte eine Bemerkung über die Form der Handschwingenspitzen – sie zeigten „Haken“, was ich vorher noch nie an irgendeinem anderen Vogel gesehen hatte. Das war lange, bevor die Diskussion über die mögliche Herkunft des Vogels geführt wurde ... und ich legte die Beobachtung zu den Akten ...“

Diese eine Sichtung wurde zum entscheidenden Durchbruch auf dem Weg zur Identifizierung seines Vogels und der Erforschung seiner Herkunft. Die meisten Eigenschaften wiesen darauf hin, dass es sich um eine europäische Brandseeschwalbe handelte, die vorher jedoch noch nie in Nordamerika registriert worden war, mit einem Federkleid, das nur schwer, nahezu unmöglich, von der nordamerikanischen Brandseeschwalbe (Thalasseus acuflavidus, im Folgenden Cabot-Seeschwalbe genannt) zu unterscheiden war.

BRANDSEESCHWALBE UND CABOT-SEESCHWALBE

Sind sie die gleiche oder zwei verschiedene Arten? Das hängt ganz vom jeweiligen Standpunkt ab. Vor 130 Jahren klassifizierte man noch die europäische Brandseeschwalbe, die amerikanische Cabot-Seeschwalbe sowie die karibische/südamerikanische Cayenne- Seeschwalbe (Thalasseus acuflavidus eurygnathus) als drei verschiedene Spezies. Angehörige der neuen Birder-Generation sind dagegen mit dem Wissen aufgewachsen, dass es sich um eine Spezies mit drei Unterarten handelt. Nun ändert sich die Sichtweise innerhalb kürzester Zeit ein weiteres Mal. Zum Vergleich zwischen europäischen und nordamerikanischen „Brandseeschwalben“ bezieht sich die Fachliteratur zumeist auf die Ähnlichkeiten zwischen ausgewachsenen Tieren. Jedoch wurden bis vor Kurzem die eindeutigen Unterschiede zwischen Elterntieren und mehr noch die eklatanten Unterschiede im Federkleid der Jungvögel übersehen. Auch im Brutverhalten gibt es Abweichungen. All diese Beobachtungen führten zu einem neuen Paradigma in der gängigen Klassifizierung – basierend auf Identifizierungsmerkmalen und der Entdeckung von Ausnahmeerscheinungen, die in vielen Fällen von Amateuren dokumentiert wurden. Im Folgenden behandeln wir das Thema der Brandseeschwalbe und der Cabot-Seeschwalbe angesichts der neuen Erkenntnisse hinsichtlich Identifizierung, Taxonomie und Wanderverhalten. Die Cayenne-Seeschwalbe, aktuell am besten als südliche Unterart der Cabot-Seeschwalbe betrachtet, soll hier außen vor bleiben. Brandseeschwalben kamen als Irrgäste aus Europa nach Nordamerika und Cabot-Seeschwalben haben Europa aus Nordamerika erreicht. Beide können leicht übersehen werden, außer vielleicht von perfekt geschulten Augen. Beide werden mehr und mehr als unterschiedliche Arten betrachtet und nicht als enge Verwandte. Doch das Potenzial, transatlantische Ausnahmeerscheinungen dieser beiden Taxa auch festzustellen, ist nun gegeben.

WANDERVERHALTEN

Mit der Chicagoer Seeschwalbe kam die Frage auf, ob die europäische Brandseeschwalbe Nordamerika erreicht hat. Das rief auch Skeptiker auf den Plan. Doch kaum drei Jahre später sollte ein bemerkenswertes Ereignis alle Zweifel für immer beseitigen. Eine Brandseeschwalbe, die als Küken 2002 auf Coquet Island an der Nordküste Englands beringt wurde, tauchte Ende Juli 2013 in Massachusetts auf. Der Ring mit der Nummer DB67406 und der Aufschrift „British Trust, London“ wurde vom Biologen Jeff Spendelow identifiziert, der zu diesem Zeitpunkt die Frequentierung der Sammelplätze von Rosenseeschwalben in der Gegend von Cape Cod im Südosten von Massachusetts erforschte. Mehrere Beobachter hatten den Vogel bereits am 31. Juli an einem der Sammelplätze entdeckt, doch es dauerte noch bis zum 21. August, ehe Spendelow den Ring entziffern konnte. Auf der anderen Seite des Atlantiks fand man im November 1984 eine tote „Brandseeschwalbe“ in Herefordshire, England. Bis dato das dritte Mal, dass diese Spezies in der Gegend festgestellt wurde. Doch der Ring erzählte noch eine andere Geschichte: Es handelte sich in Wahrheit um eine Cabot-Seeschwalbe, die erste ihrer Art in Großbritannien! Die einzigen beiden anderen Aufzeichnungen in Europa stammen von Vögeln, die als Jungtiere in North Carolina, USA, beringt worden waren und wenig später, in ihrem ersten Winter, tot aufgefunden wurden. Die eine wurde am 23. Juni 1978 in Cape Lookout beringt und am 23. Dezember 1978 bei Veerse Meer, Noord-Beveland, in der Provinz Zeeland in den Niederlanden gefunden. Die andere wurde am 25. Juni 1984 nahe Beaufort, North Carolina, beringt, und am 28. November 1984 von einem Mitarbeiter der Forstverwaltung in Newhouse Wood, Herefordshire, entdeckt.

TAXONOMIE

Jüngste Feldstudien haben gezeigt, dass Jungvögel, Tiere im ersten Winterkleid, aber auch Alttiere im Winterkleid oftmals charakteristische Merkmale tragen, mithilfe derer sich viele Individuen unterscheiden lassen. Um in der Sprache der Taxonomie zu bleiben: Diese Vögel sind „diagnostizierbar“, für manche Systematiker eine Grundvoraussetzung, um ein Tier überhaupt in den Status einer „Art“ zu erheben. Die außergewöhnliche Flügelspitze, die 2010 an der Seeschwalbe in Chicago entdeckt wurde, verlieh dieser Debatte um die „Diagnostizierbarkeit“ zusätzliches Gewicht. Außerdem gibt es Unterschiede in der Wahl der bevorzugten Brutgebiete. Brandseeschwalben wählen eher karges Gebiet mit Sand- oder Sedimentgestein, Cabot- (und Cayenne-) Seeschwalben bevorzugen überwachsene, felsige Habitate wie flache Inseln oder abgestorbene Korallenbänke. Und schließlich sei als entscheidendes Argument erwähnt, dass eine 2009 veröffentlichte Molekularstudie (Efe et al., 2009) ergeben hat, dass Cabot-Seeschwalben und Brandseeschwalben ebenso verschieden sind wie andere verschiedene Spezies der gleichen Gattung und damit nicht als enge Verwandte zu betrachten sind. Vielmehr bilden die nordamerikanische Cabot- und die Cayenne-Seeschwalbe Schwester-Taxa (und sind damit enger verwandt) mit den Schmuckseeschwalben (Thalasseus elegans) – wie das Federkleid der Jungtiere eindeutig belegt! Efe et al. kommen 2009 zu folgendem Schluss: „Unsere Studien haben gezeigt, dass die Seeschwalbenpopulationen der Alten Welt (T. s. sandvicensis) und die der Neuen Welt (T. s. acuflavidus/eurygnathus) genetisch so verschieden sind wie verschiedene Spezies derselben Gattung – und keine monophyletische Gruppe bilden. Vielmehr stellen beide Schwester-Taxa zur Schmuckseeschwalbe (T. elegans) dar. Dieses Ergebnis legt nahe, dass die aktuelle Systematik, die den T. s. sandvicensis/acuflavidus/eurygnathus Komplex in seiner Gesamtheit als Unterarten einer einzigen Art oder als einer Spezies der nördlichen Hemisphäre (T. s. sandvicensis) bzw. der südlichen Hemisphäre (T. s. eurygnathus) betrachtet werden, phylogenetisch nicht zutreffend ist. Eine neue Systematik sollte die Seeschwalben der Alten Welt (Brandseeschwalbe) T. s. sandvicensis und die der Neuen Welt (Cayenne und Cabot) T. s. acuflavidus/ eurygnathus als zwei unterschiedliche Arten klassifizieren.“* Zwei Jahre nach Veröffentlichung dieser Genstudie trennte die BOURC (die führende britische Organisation für Vogelsystematik) die beiden vormaligen Unterarten in die beiden Spezies Brandseeschwalbe und Cabot-Seeschwalbe. Diese Sichtweise wird von immer mehr Autoritäten weltweit übernommen und sogar von der American Ornithologists Union empfohlen: „Ich empfehle, der Ansicht von Efe et al. (2009) Folge zu leisten, die amerikanische Spezies als eigene Art Thalasseus acuflavidus anzuerkennen (Cabot, 1847), und sie als Cabot-Seeschwalbe zu bezeichnen.“ (R. C. Banks, pers. comm., 2012) Nunmehr in den Status einer eigenen Art erhoben und mit den Beobachtungen von Cabot-Seeschwalben in Europa, bzw. Brandseeschwalben in Nordamerika ist es sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis es mehr dieser dokumentierten Sichtungen von verirrten Vögel beider Arten gibt. Und damit wenden wir uns dem sich stetig fortschreitenden Bereich der für den Birder nützlichsten Feldbestimmungsmerkmalen zu.

GEMEINSAME KENNZEICHEN ALLER ALTERSKLASSEN

Cabot-Seeschwalben sind im Schnitt kleiner als Brandseeschwalben. Ihr Schnabel ist vor allem bei voll entwickelten Alttieren kürzer, dicker und gerader (Abb. 1). Umgekehrt ist der Schnabel der Brandseeschwalbe dünner, stärker gekrümmt, manchmal sogar ein wenig „herabhängend“ und nadelspitz (Abb. 2). Bei Neise heißt es über die Brandseeschwalbe aus Chicago: „Das Erste, was den zahlreichen Beobachtern auffiel (außer der Tatsache, dass es sich hier tatsächlich um eine Brandseeschwalbe handelte!) war die lange und dünne Form des Schnabels. Beim Telefonat mit Dr. F. am gleichen Abend, nachdem ich den Vogel fotografiert hatte, sagte dieser: „Meine Güte! Was hat der für einen Schnabel? Der sieht ja aus wie eine Injektionsnadel!“ Gut gesagt. In der Tat war dieser Schnabel länger und dünner als jeder andere, den ich je an einer Brandseeschwalbe gesehen hatte ... oder auf einem Foto von ihr.“ Im Wintergefieder der Cabot-Seeschwalben sind die Federn der Hinterkrone und die Genickfedern normalerweise länger, dunkler und sehen etwas „öliger“ aus, mit entweder sehr kleinen oder gänzlich fehlenden weißen Spitzen und einer vollständig weißen Stirn und Krone. Im Gegensatz dazu haben Brandseeschwalben in ihrem Winterkleid schwarze, kürzer aussehende Hinterkronen und Genickfedern mit offensichtlichen weißen Spitzen, die wie ein „Salz-und-Pfeffer-Effekt“ wirken.


expert-knowledge

CHARAKTERISTIKA DER ERSTWINTERTIERE (OKTOBER-MÄRZ)

Jungtiere durchlaufen für ihr Erstwinterkleid eine umfassende Mauser unterschiedlichen Ausmaßes. Auffallend sind strukturelle Unterschiede, Ungleichheiten im Kopfmuster sowie die Reste des Jungvogelgefieders mit der dunklen Färbung, vor allem im Bereich der Schwanz-, Deck- und Schirmfedern.

MERKMALE DER JUNGTIERE (JULI – OKTOBER)

Bei Cabot-Seeschwalben variiert die Zeichnung auf Mantel und Schulterfedern von einer eher unscheinbaren Optik fast ohne Zeichnung über schwärzliche Schaftstriche bis zu prominenten, schwarzen, pikförmigen Subterminal-Marken. Bei Brandseeschwalben tragen Mantel und Schulterfedern ein auffälliges, etwas grob wirkendes Muster in U- oder V-Form. Die Flügeldecken der Cabot-Seeschwalben sind bei geschlossenen Flügeln einfarbig grau, abgesehen von schwärzlichen kleinen und mittleren Armdecken, die den ansonsten einfarbigen Oberflügeln eine dunkle Tönung verleihen. Manche haben einfarbig schwarze, innere Armdecken. Bei den Brandseeschwalben sind die Flügeldecken etwas prägnanter mit den schwärzlichen, U- oder V-förmigen Subterminal-Markierungen gezeichnet. Manche Exemplare haben eine schwächer ausgeprägte „Geister-Zeichnung“ aus einem innen liegenden, dunklen Muster. Wenn diese in der Flügeldecke vorhanden sind, kann man sie am besten während des Winters erkennen. Im frischen Jugendkleid haben Cabot-Seeschwalben mittig schwarze Schirmfedern mit einem breiten, weißen Rand. Brandseeschwalben haben dagegen als Jungtiere eine grobe, abwechselnd helle und dunkle Zeichnung auf den Schirmfedern, die nach der Mauser mittig dunkelgrauen und unscheinbareren Schirmfedern weichen.

MERKMALE DER ALTTIERE

Strukturelle Unterschiede in puncto Größe, vor allem des Schnabels, sind ausschlaggebend für die Identifikation, zusammen mit den schwarzen und weißen Scheitel- und Nackenfedern außerhalb der Brutzeit. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Cabot- Seeschwalben und Brandseeschwalben ist die Breite des weißen Streifens am inneren Rand der äußeren Handschwingen im frischen Kleid. Bei Cabot-Seeschwalben ist dieser weiße Streifen sehr schmal (1-1,5 mm), bei Brandseeschwalben ist er breiter (2-4 mm), und jede Handschwungfeder hat zudem eine etwa 3-5 mm breite Spitze, die bei den Cabot-Seeschwalben fehlt. Das Muster an den Spitzen bei den Brandseeschwalben weist außerdem einen „Haken“ im dunklen Bereich auf, der sogar dann noch sichtbar bleibt, wenn die Feder sehr abgetragen ist und der weiße Rand ganz fehlt. Cabot-Seeschwalben haben diesen dunklen „Haken“ an den Handschwingen nicht, weder bei frischem noch bei abgenutztem Gefieder. Adulte Brandseeschwalben im Winterkleid haben bereits im Dezember/Januar neue Handschwingen gebildet, wohingegen sich die Cabot-Seeschwalben noch bis Frühjahr in der Mauser befinden. Ausgewachsene Cabot-Seeschwalben zeigen meistens (nicht immer) ein ausgeprägteres dunkelgraues Oval auf den Schirmfedern und neigen zu einer dunklen Reihe Armschwingen. Im Vergleich dazu haben adulte Brandseeschwalben im Winter keine dunklen Armschwingen, weisen aber dafür ein etwas dunkleres Oval auf den Schirmfedern aus.