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Distanz

Nähe, Distanz und Bildaufbau: Alles eine Frage der Sichtweise

Die Distanz zum Motiv, die Komposition, ist einer der entscheidenden Faktoren beim Digiscoping. Dabei macht es jedoch einen Unterschied, ob man diese rein technisch betrachtet oder von einem ästhetischen wie erzählerischen Standpunkt, schildert Digiscoping-Profi Dr. Jörg Kretzschmar.

© Dr. Jörg Kretzschmar

Dr. Jörg Kretzschmar ist Biologe und kam durch seine Arbeit mit Digiscoping in Berührung. Er ist einer der profiliertesten Digiscoper im deutschsprachigen Raum, dessen Aufnahmen immer wieder für Aufsehen sorgen. Für seine Aufnahmen verwendet er ein STX 25-60x85 Teleskop mit TLS APO von SWAROVSKI OPTIK.

Wenn man der technischen Sichtweise folgt, dann ist ein Aufnahmeabstand zu bevorzugen, unter dem die technischen und physikalischen Artefakte durch Dunst, Staub und Hitze oder optische Einschränkungen keine negativen Bildwirksamkeiten verursachen. Sie rücken also in unserer Bildwahrnehmung in den Hintergrund, obwohl wir sie bei genauerem Hinsehen meist doch entdecken.



Alles wird mitvergrößert

Im Sommer oder zur mittäglichen Zeit wird diese Distanz in der Regel unter 40 m liegen, weil sonst das Teleskop Umwelteinflüsse derart mitvergrößert, dass kein technisch ordentliches Bild mehr zu erwarten ist. Viele Anfänger, aber auch fotografisch unerfahrene Digiscoper unterschätzen den Negativanteil der Vergrößerung zumeist.

Im Winter oder nach einem gehörigen Gewitterregen kann auch Digiscoping über 70 m noch zu ansehnlichen Aufnahmen führen. Nur in Ausnahmesituationen – etwa bei weichem Licht, klarer Luft und perfekten technischen Einstellungen – werden jenseits der 100 m Bilder entstehen, die auch druckwürdig und -fähig sind. Aber auch Aufnahmen, die technische Mängel aufweisen, können in Onlineforen ihre Wirkung und Aufmerksamkeit erhalten.

Bildästhetisch ist der „richtige“ Aufnahmeabstand häufig ein anderer als der rein technische. In der Realität müssen wir häufig einen Kompromiss zwischen der gestalterischen und der technisch vertretbaren Distanz suchen.



Bären als Bewährungsprobe in der Praxis

Im Sommer 2013 war ich in Karelien (Finnland), um Bären zu fotografieren. Die allermeisten Digiscoper, die ich kenne, legen großen Wert darauf, das Motiv möglichst nah, groß und formatfüllend aufzunehmen – und die zur Verfügung stehende Technik lädt uns dazu ein.

Die erste Nacht verbrachte ich in einem Hide, der auf einer sumpfigen Waldlichtung eingerichtet war. Noch vor Sonnenuntergang kommen meist die 2- bis 4-jährigen Jungbären, um hier zu fressen. Später folgen die dominanteren Alttiere, Männchen sowie Jungtiere führende Mütter, und verdrängen die Jungen.

Ein solcher Jungbär kommt also bei guten Lichtverhältnissen auf die Lichtung, trabt auf mein Versteck zu, um wenig später wieder in den nahen Wald abzubiegen. Ich mache eine Aufnahme von dem Bären: nah, groß, formatfüllend, scharf. Aber ist das ein gutes Bild, wird es in meinem Portfolio überdauern? Eher nicht.



Mut zum kritischen Hinterfragen

Es ist eine meiner ersten Digiscoping-Aufnahmen mit Bären. Eine, wie ich sie mit fotografischen Mitteln so bisher nicht machen konnte. Aber was teilt diese Fotografie anderen mit? Dass ich einen Bären von nahe sehen und einigermaßen scharf fotografieren konnte. Ok, aber was noch?

Das kritische Hinterfragen, welchen Abstand ich brauche, um etwas Bedeutendes mit Digiscoping mitzuteilen, wird meine Aufmerksamkeit auf veränderte Aufnahmedistanzen richten. Wer in einem Hide sitzt und die Zoommöglichkeit des Digiscopings zur Verfügung hat – wie ich mit dem STX 25-60x85 von SWAROVSKI OPTIK –, der wird sagen: Das muss noch näher gehen!



Sorgfältiger Bildaufbau bei Nahaufnahmen

Ich bitte also den Veranstalter, in der nächsten Nacht die Bärensnacks (in unserem Fall schlichtes Hundefutter) noch näher beim Versteck zu verteilen, in der Hoffnung, dass sich ein Jungbär noch näher an mich heranwagt. Gesagt, getan. Noch vor der mitternächtlichen Dunkelheit legt sich ein Jungbär vor meinem Hide nieder, um zu fressen.

Bei solchen Close-ups, also Aufnahmen aus extremer Nähe, sind das sorgfältige Arbeiten im Bildaufbau (entlang der harmonischen Teilungslinien/Goldener Schnitt) sowie das exakte Nachführen der Schärfe sehr wichtig. Das Ergebnis ist das Portrait eines Jungbären – so nah, wie wir ihn im Zoo kaum zu Gesicht bekommen.

Die Digiscoping-Aufnahme des Bären wirkt irgendwie ansehnlicher – ist sie aber der Wahrheit letzter Schluss? Nach vielen Versuchen erkenne ich: Fressende Bären geben als Motiv nicht viel her. Deshalb ist der nächste Bildansatz, dass wir im Nahbereich bleiben und den Jungbären von der Seite stehend fotografieren – im Bildanschnitt.

  • © Dr. Jörg Kretzschmar
  • © Dr. Jörg Kretzschmar
  • © Dr. Jörg Kretzschmar
  • © Dr. Jörg Kretzschmar

Das Fell macht den Unterschied

Bildkompositorisch nutze ich den technischen Kniff der Profileinstellung, die lebensnah wirkt. Da Bären zwar imposante Tiere sind, ihre Gesichter aber wenig ausdrucksreich (weil die Augen klein und dunkel sind und im Pelz liegen), arbeite ich mit dem Fell der Tiere. Das Ergebnis gefällt mir nun schon besser – ein Wildtier blickt in seinen besonnten Lebensraum und wir sind visuell dabei.

Von dieser Art des Digiscopings habe ich in den darauffolgenden Nächten noch viele gemacht. Letztendlich verabschiede ich mich von der Nahaufnahme und gehe zurück in die (Halb-) Totale. Ich möchte das Individuum zeigen, aber eben auch das Individuelle.



Eine Halbtotale, die wie eine Totale wirkt

Um 2 Uhr 30 morgens, noch vor Sonnenaufgang im Juni knapp unter dem nördlichen Polarkreis, wechselt eine Bärenmutter mit drei Babys in gebührender Distanz die sumpfige Lichtung. Futter interessiert sie nicht, sondern möglichst schnell wieder in den Schutz des Waldes zu kommen, denn ein altes Männchen ist in der Gegend und lässt alle anderen Bären unruhig wirken. Die Bärenbabys tapsen durch das knöchelhohe Wasser hinterher und werden von dem Auslösen meiner Kamera kurz verleitet innezuhalten, sich aufzurichten, zu mir herüberzuschauen, um dann flugs wieder der Mutter hinterherzurennen.

Diese Form des Digiscopings ist in vielerlei Hinsicht extrem. Bildkompositorisch handelt es sich um eine Halb-Totale (Aufnahmeabstand etwa 30 Meter), sie wirkt aber wie eine Totale, weil die Bären noch so klein sind.

Die Aufnahme zeigt also auch den Lebensraum, eine sumpfige, wollgrasbewachsene Waldlichtung. Wäre die Mutter abgebildet, würden wir lediglich einen Kopf und Teile des Oberkörpers sehen. Extrem ist sie aber auch, weil die Fotografie in der Nacht entstanden ist. Die bald aufgehende Sonne zeichnet sich sehr schön als Hintergrundlicht auf dem Bärenfell ab, die Kontraste sind noch bildtechnisch handhabbar. 2 Grad Lufttemperatur und vorangegangener Regen verhindern Luftflimmern oder Dunst.



Digiscoping bis an die Grenze

Die bewegungsunscharfe Tatze des mittleren Bären verrät aber auch die technische Grenzsituation des Digiscopings. Eine Nikon D7100 zeichnete dieses Bild bei ISO 1250 und einer 1/40 Sekunde auf. Das aufgezoomte STX 25-60x85 Teleskop von SWAROVSKI OPTIK (Blende 8,6) und die optischen Leistungen des TLS APO taten den Rest.



Tipps

Welche Aufnahmedistanz ist technisch vertretbar und welche Aufnahmenähe ist erzählerisch gewünscht?

Wie im Film unterscheiden wir drei Grundeinstellungen bezüglich der Distanz beim Digiscoping:

Die Totale rückt das Motiv oder das Ereignis als Ganzes optisch an uns heran. Wir sollten jedoch darauf achten, dass um unser Motiv noch genügend Pixelfutter ist, sonst wirkt es optisch eingeklemmt. Der Bildaufbau bestimmt die Bildwirkung. In der Regel wird in der Totalen der Bildvordergrund bevorzugt, er verschafft dem Bild auch seine räumliche Tiefe.

Bei der Halbtotalen steht das Individuum im Vordergrund, gezeigt werden meist Kopf und ein kleiner Teil des Körpers. Auch in der Digiskopie gilt in solchen Fällen, die Augen in die obere horizontale Teilungslinie (Goldener Schnitt) zu platzieren.

Die Groß- oder Nahaufnahme konzentriert sich auf Details beziehungsweise auf besondere Motivakzente. Diese sind besonders sorgfältig zu arrangieren (Bildbalance) und gezielt scharf zu zeichnen.